Silber handelt am Mittwochmorgen bei 89,60 Dollar — ein Plus von 2,4 Prozent. Gold notiert bei 5.204 Dollar und legt 0,5 Prozent zu. Doch die eigentliche Geschichte steht nicht im Kurs, sondern im Kalender: Am 27. Februar ist First Notice Day für den März-Kontrakt an der COMEX. Was sich dort abzeichnet, hat das Potenzial, die Preisfindung im Silbermarkt grundlegend zu verändern.
Silber hat Gold in der Performance dramatisch überholt. Gegenüber dem Niveau während der Pariser Olympischen Spiele 2024 liegt Silber inzwischen 180 Prozent höher. Das Gold-Silber-Verhältnis hat sich auf 59:1 komprimiert — ein klares Zeichen dafür, dass Silber die Aufholjagd gegenüber Gold mit hoher Dynamik führt.
Das Zahlenwerk: Offenes Interesse versus lieferbare Bestände
Anfang Februar standen im März-Kontrakt an der COMEX 429 Millionen Unzen an offenem Interesse. Dem gegenüber liegen die sogenannten Registered-Bestände — also das tatsächlich zur Auslieferung bereitstehende Silber — bei unter 100 Millionen Unzen. Noch im Oktober waren es 167 Millionen Unzen. Das entspricht einem Rückgang von 38 Prozent in weniger als vier Monaten, bei einer Abflussrate von rund 785.000 Unzen pro Tag.
Die Diskrepanz ist historisch: Auf jede verfügbare Unze kommen rechnerisch mehr als vier Unzen an Papieransprüchen. Solange die Mehrheit der Kontraktinhaber ihre Positionen rollt oder bar abrechnet, bleibt das System funktionsfähig. Doch genau dieses Rollen scheint ins Stocken zu geraten.
Delivery-Rate bei 98 Prozent — Kontrakte werden rückwärts gerollt
Im Januar 2026 wurden 49,4 Millionen Unzen physisch ausgeliefert — das 7,3-Fache des Januars 2024. Die Delivery-Rate im Februar liegt bei 98 Prozent. Normal sind 5 bis 20 Prozent. Fast jeder, der einen Kontrakt hält, fordert tatsächlich das Metall an.
Noch bemerkenswerter: Kontrakte werden rückwärts gerollt — von März zurück in Januar und Februar. Normalerweise rollen Händler in spätere Monate, um die Lieferung zu vermeiden. Wenn sie stattdessen in frühere Monate rollen, wollen sie die Lieferung nicht verschieben, sondern beschleunigen. Das ist das exakte Gegenteil normalen Marktverhaltens und signalisiert akuten physischen Beschaffungsdruck.
Shanghai, Sprott, Samsung: Der globale Zugriff auf physisches Silber
Die Ost-West-Arbitrage verschärft die Lage. Shanghai handelt zehn Dollar über dem westlichen Spotpreis. Dieses Premium zieht physisches Material nach Asien und entzieht es den westlichen Lagern zusätzlich.
Sprott hat sein Kaufprogramm auf zwei Milliarden Dollar verdoppelt. Das entspricht rund 18 Millionen Unzen — also 16 Prozent der gesamten COMEX-Registered-Bestände in einem einzigen Kaufprogramm.
Auf der industriellen Seite sichert sich Samsung über seine Handelstochter Samsung C&T exklusiv die gesamte Silber-Blei-Konzentrat-Produktion einer kanadischen Mine in Mexiko — für zwei Jahre. Der Hintergrund: Samsung benötigt das Silber für die Produktion von Feststoffbatterien. Wenn einer der größten Technologiekonzerne der Welt beginnt, sich Minenproduktion direkt und langfristig zu sichern, statt über den Spotmarkt einzukaufen, ist das ein Alarmsignal für die verfügbare Menge am freien Markt.
Das Makro-Bild: Zentralbanken und der Vertrauensverlust in den Dollar
Nassim Taleb argumentiert, dass Gold strukturell profitiert, weil die USA ihren Reservewährungsstatus verlieren. Unabhängig davon, ob man dieser These in ihrer Absolutheit folgt: Die Daten stützen die Richtung. Zentralbanken kauften 2025 erneut 863 Tonnen Gold. JPMorgan rechnet für 2026 mit 755 Tonnen an Zentralbankkkäufen — das liegt 50 bis 90 Prozent über dem Durchschnitt vor 2022. Brasilien allein hat in drei Monaten 43 Tonnen Gold gekauft.
Was für Gold gilt, überträgt sich zunehmend auf Silber — mit dem Unterschied, dass Silber zusätzlich eine industrielle Nachfragekomponente hat, die durch den Ausbau von Solarenergie, Elektronik und nun auch Batterietechnologie strukturell wächst.
Fazit: Ein Markt unter Spannung
Der Silbermarkt steht vor dem First Notice Day mit einer Kombination, die es in dieser Schärfe noch nicht gegeben hat: Offenes Interesse weit über den lieferbaren Beständen, eine Delivery-Rate von 98 Prozent, rückwärts gerollte Kontrakte, institutionelle Milliardenkäufe und industrielle Langfristverträge, die dem freien Markt Material entziehen. Ob der 27. Februar zum Wendepunkt wird oder der Markt einen weiteren Monat Aufschub erhält, hängt davon ab, wie viele Kontraktinhaber am Freitag tatsächlich auf Lieferung bestehen. Die Zeichen deuten darauf hin, dass es diesmal viele sein werden.
