NVIDIA veröffentlicht heute nach US-Börsenschluss die Zahlen für das vierte Fiskalquartal des Geschäftsjahres 2026. Es ist der mit Abstand meistbeachtete Quartalsbericht der laufenden Berichtssaison — und möglicherweise des gesamten Jahres. Der Chipkonzern aus Santa Clara ist zum Gradmesser für den gesamten KI-Boom geworden. Wer wissen will, ob die Billionen-Investitionen in künstliche Intelligenz gerechtfertigt sind, schaut auf Jensen Huangs Zahlen.

Die Erwartungen sind enorm: Der Konsens der Analysten liegt bei einem Umsatz von 65,7 Milliarden Dollar — ein Plus von 67 Prozent gegenüber dem Vorjahresquartal. Der erwartete Gewinn pro Aktie beträgt 1,53 Dollar, was einem Anstieg von 72 Prozent im Jahresvergleich entspricht. Auf der Wettplattform Polymarket geben Händler eine 95-prozentige Wahrscheinlichkeit dafür, dass NVIDIA die Konsensschätzungen übertrifft. Die Messlatte liegt hoch — aber NVIDIA hat sie in den vergangenen zwölf Quartalen in Folge übersprungen.

Die Großbanken positionieren sich entsprechend optimistisch. Goldman Sachs erwartet einen Umsatz von 67,3 Milliarden Dollar — das wäre eine Überraschung von rund zwei Milliarden über dem Konsens. Die UBS hat ihr Kursziel auf 245 Dollar erhöht. Und Loop Capital rechnet für das kommende Geschäftsjahr mit einem Gewinn pro Aktie von 9,56 Dollar — eine Zahl, die selbst bei der aktuellen Bewertung eine attraktive Relation impliziert.

Die Optionsmärkte preisen eine Schwankungsbreite von rund sechs Prozent nach dem Report ein. Bei einer Marktkapitalisierung von 4,6 Billionen Dollar bedeutet das: Eine Bewegung von fast 280 Milliarden Dollar in die eine oder andere Richtung — mehr als die gesamte Börsenkapitalisierung der meisten DAX-Konzerne.

Der Treiber hinter der Euphorie bleibt intakt. Die vier großen Hyperscaler — Alphabet, Microsoft, Meta und Amazon — werden laut aktuellen Prognosen in diesem Jahr zusammen 700 Milliarden Dollar in KI-Infrastruktur investieren. Das sind 60 Prozent mehr als im Vorjahr. Der Großteil dieser Ausgaben fließt direkt oder indirekt in NVIDIA-Hardware. Solange dieser Investitionszyklus läuft, bleibt NVIDIAs Geschäftsmodell eine Gelddruckmaschine.

Strategisch setzt Jensen Huang auf Expansion. Die geplante Übernahme von Groq für 20 Milliarden Dollar — gemeint ist der Hersteller von Inferenz-Prozessoren, nicht Elon Musks KI-Chatbot Grok — würde NVIDIA im wachstumsstarken Inferenz-Segment erheblich stärken. Die Inferenz, also die Anwendung trainierter KI-Modelle, wird zunehmend zum größeren Markt als das Training selbst.

Doch es gibt auch Risikofaktoren, die der Markt nicht ignorieren kann. Der chinesische Markt steht in der aktuellen Guidance bei null. Durch die verschärften US-Exportkontrollen darf NVIDIA seine Hochleistungschips nicht mehr nach China verkaufen. Sollte Peking Vergeltungsmaßnahmen ergreifen oder die Regulierung weiter verschärft werden, sitzt NVIDIA auf einer potenziellen 50-Milliarden-Dollar-Bombe — Umsatz, der auf absehbare Zeit verloren wäre.

Im Conference Call wird Jensen Huang voraussichtlich Details zur nächsten Chip-Generation Rubin liefern, die für das zweite Halbjahr erwartet wird. Die Roadmap und vor allem die Lieferfähigkeit werden entscheidend sein für die Frage, ob NVIDIA seinen technologischen Vorsprung gegenüber AMD, Intel und den Eigenentwicklungen der Hyperscaler halten kann.

Unterm Strich steht NVIDIA vor einem Abend, der nicht nur den eigenen Aktienkurs bewegen wird, sondern die Richtung für den gesamten Technologiesektor vorgeben könnte. Die nächsten Stunden werden zeigen, ob die größte Wachstumsstory der Börsengeschichte weiter intakt ist — oder ob sich erste Risse zeigen.