Heute ist First Notice Day für den März-Kontrakt an der COMEX — der Tag, an dem Theorie auf Realität trifft. Die Ausgangslage ist beispiellos: 429 Millionen Unzen an offenem Interesse stehen weniger als 100 Millionen Unzen an lieferbarem Silber gegenüber. Silber handelt bei 88 bis 90 Dollar, das Gold-Silber-Verhältnis liegt bei 59:1. Auf jede physisch verfügbare Unze kommen rechnerisch mehr als vier Unzen an Papieransprüchen. Das ist keine Statistik — das ist ein Spannungsverhältnis, das sich heute entladen kann.

Die Delivery-Rate liegt bei 98 Prozent — normal sind 5 bis 20 Prozent. Fast jeder Kontraktinhaber fordert das physische Metall an. Noch alarmierender: Kontrakte werden rückwärts gerollt, von späteren Monaten in frühere. Das bedeutet: Käufer wollen das Metall nicht später, sie wollen es jetzt. Normalerweise rollen Händler nach vorne, um Lieferung zu vermeiden. Wenn sie nach hinten rollen, signalisiert das akuten physischen Beschaffungsdruck — das exakte Gegenteil normalen Marktverhaltens.

International verschärft sich die Lage dramatisch. Das Shanghai-Premium liegt bei 12 bis 13 Prozent über dem westlichen Spotpreis und zieht physisches Material unaufhaltsam nach Osten. Sprott hat sein Kaufprogramm auf 2 Milliarden Dollar verdoppelt — das entspricht rund 18 Millionen Unzen oder 16 Prozent der gesamten COMEX-Registered-Bestände. Samsung hat sich über seine Handelstochter Samsung C&T die exklusive Produktion einer kanadischen Mine für zwei Jahre gesichert — für Feststoffbatterien. Und China hat Silber zum 1. Januar 2026 offiziell zur strategischen Ressource erklärt: Nur noch 44 lizenzierte Unternehmen dürfen Silber exportieren. Der freie Markt wird kleiner, während die Nachfrage explodiert.

Was heute konkret passiert: Verkäufer müssen ihre Lieferabsicht erklären. Käufer müssen vollfinanzierte Konten vorweisen. Wer nicht liefern kann, muss bar ausgleichen — und zwar zum aktuellen Marktpreis. Die Spannung zwischen Papieransprüchen und physischer Realität hat ein historisches Niveau erreicht. Noch nie war das Verhältnis von offenem Interesse zu lieferbaren Beständen so extrem, während gleichzeitig die Delivery-Rate so hoch lag.

Ob heute der Tag ist, an dem der Papierturm in sich zusammenfällt, oder ob die Börse einen weiteren Fluchtweg findet — durch Cash-Settlement, Positionslimits oder regulatorische Eingriffe — wird sich in den nächsten Stunden zeigen. Die COMEX hat in der Vergangenheit immer einen Ausweg gefunden. Aber die Bestände schmelzen mit 785.000 Unzen pro Tag, die Käufer fordern physische Lieferung mit einer Rate von 98 Prozent, und die größten Akteure der Welt — von Sprott über Samsung bis zur chinesischen Regierung — positionieren sich unmissverständlich auf der Seite des physischen Metalls.